Kulturtheorie und Neuroforschung

Schnittstelle Kulturtheorie und Neuroforschung – Die Rolle des „decorum“ für die Emotionserzeugung

Interdisziplinäres Kolloquium

Termin: 6. und 7. November 2009

Ort: München

Teilnehmer:

Prof. Dr. Hubert Burda, Verleger, München

Prof. Dr. Heiner Mühlmann, Kulturtheorie, Hochschule für Gestaltung, Karlsruhe; Hochschule der Künste (HdK), Zürich; Mitgründer des neuroanthropologischen Forschungsprojekts TRACE, Zürich

Prof. Dr. Thomas Grunwald, kognitive Neurophysiologie, leitender Arzt am Schweizerischen Epilepsie-Zentrum, Zürich

Prof. Dr. Martin Kurthen, Neurowissenschaft, Leiter der Poliklinik für Erwachsene am Schweizerischen Epilepsie-Zentrum, Zürich

Prof. Dr. Wolfgang Ulrich, Kunstwissenschaft und Medientheorie, Hochschule für Gestaltung, Karlsruhe

Prof. Dr. Gerhard Blechinger, Leiter des Instituts für Design und Technologie an der Zürcher Hochschule der Künste und Direktor des Instituts für Kunst und Technologie am Korean German Institute of Technology Seoul

Dr. Christa Maar, Präsidentin Hubert Burda Stiftung, München

Dr. Marcel Reichart, Geschäftsführer DLD Media GmbH, München

 

Thema:

Im Rahmen eines Workshops mit Wissenschaftlern des Epilepsiezentrums Zürich, der Hochschule für Gestaltung Karlsruhe und der Hochschule der Künste in Zürich ging es um die Darstellung von Zusammenhängen zwischen dem „decorum“ Effekt und dem Mediensystem der westlichen Kultur.

Programm:

Wolfgang Ulrich

Konsumprodukte als Massenmedien – Massenmedien als „decorum“ Instanzen

Am Beispiel des Verpackungsdesigns von Dusch-Gels wird der mediale Charakter westlicher Konsumprodukte analysiert: Durch das Zusammenspiel von „visuellen Artefakten“ (Verpackung) und Olfaktion (Geruchswahrnehmung) werden psychologische Konditionierungen möglich, die einen optimierenden Einfluss auf die subjektive Wahrnehmung von Gruppenerlebnissen haben. Der „decorum“ Effekt zielt in diesem Fall auf das Erkennen und Generieren von Zielgruppen, deren innere Organisation aus einem temporären Tribalismus besteht. Dafür werden auf rudimentäre Weise die Techniken der Enkulturierung bzw. Gedächtnisbeeinflussung benutzt, wobei die intensive Wirkung der Geruchswahrnehmung auf das Gedächtnis mit einkalkuliert wird. Die Beeinflussung des Körpergeruchs durch den Duft eines bestimmten Duschgels hat eine vorbereitende Funktion für die eigene Integration in Gruppenereignisse. Die Duftwirkung wird durch die Verpackungsform verstärkt. So können Duschgels für Frauen z. B. vegetabilische, an Blüten erinnernde, die für Männer eher phallische Formen haben. Der „decorum“ Effekt besteht darin, dass er das „Passen“ von Geruch und Verpackung zum Benutzer und zu der an dem Ereignis beteiligten Gruppe vorweg nimmt. Vom „decorum“ System gehen Schlüsseleffekte der Enkulturierung aus. Die Pass-Regel des „decorum“ bedeutet: „Alle Beteiligten müssen es cool finden.“

Heiner Mühlmann

„decorum“ – eine cross-media Technik

Relevanz lässt sich nicht allein vom Gehirn oder Körper aus bestimmen. Sie setzt vielmehr den Bezug des Organismus auf die physikalische, biologische und soziokulturelle Umwelt voraus. Eine Disziplin zur Relevanzerkennung ist die Rhetorik. Sie arbeitet mit einer Bewertungsskala, die aus der Skalierung zwischen „erhaben“ (high-ranking) und „niedrig“ (low-ranking) resultiert. Diese Rankingskalierung wird in der klassischen Tradition der westlichen Kultur als „decorum“ bezeichnet. Es handelt sich um eine Technik, in der Ranking-Erkennung (ranking interference) und „decorum“ Äquivalente sind.

Der „decorum“ Effekt erzeugt Feldstrukturen, mit deren Hilfe mehrere gleichzeitig aktive Medien parallel geschaltet werden. Für die westliche Kultur sind seit jeher crossmediale Simultaneffekte bezeichnend. Bereits in der griechischen Antike werden Musik, Szenographie und Rhetorik parallel geschaltet; im Schauspiel wirken Inszenierung, Schauspielkunst und Bühnenbild zusammen. Wenn mehrere Medien gleichzeitig aktiv sind, stellt sich die Frage, ob es eine unterschiedliche Präsenzintensität gibt. Ein Beispiel aus der Orestie des Aischylos belegt, dass die Stärke der erzeugten Emotion nicht notwendig an die Präsenzintensität gekoppelt ist: Auf der Bühne berichtet Klytemnestra mit ausschließlich rhetorischen Mitteln über den Mord, den sie soeben an ihrem Ehemann Agamemnon begangen hat. Der Zuschauer sieht den Mord nicht, denn dieser hat im Off stattgefunden. Die Medien, die hier die stärkste Präsenz haben, sind die Szenographie und die Rhetorik. Doch sind nicht sie es, die die starke Emotion im Zuschauer bewirken. Die Tatsache, dass er die Mordschilderung hört, die Tat selbst aber nicht sieht, bewirkt eine Effizienzsteigerung der emotionalen Wirkung der Erzählung. Daraus lässt sich die Regel ableiten: Stelle die stärkste Emotion im präsenzschwächsten Medium dar. Résumé: Optimierungen von emotionaler Enkulturierung werden durch kulturelle Emotionstechniken bewirkt.

Thomas Grunwald/Martin Kurthen

Epilepsiechirurgie und experimentelle Rhetorik

Epilepsien zählen zu den häufigsten neurologischen Erkrankungen. Sie sind in der Regel gut behandelbar, doch muss die Epileptologie sich zwingend neurowissenschaftlich mit Prozessen der emotionalen und sozialen Kognition und des Gedächtnisses befassen, um mögliche neurologische und neuropsychologische Behandlungskomplikationen zu minimieren. Untersuchungen an Epilepsiepatienten haben gezeigt, dass der Hippocampus als „Tor zum Gedächtnis“ fungiert. Er unterstützt die sprachliche Erinnerung und ist an der semantischen Verarbeitung von Bildern im Gehirn beteiligt. Sowohl für das verbale wie das visuelle Gedächtnis ist es entscheidend, dass der Hippocampus auf die Neuheit wahrgenommener Stimuli reagiert. Vieles Neue ist irrelevant. Die Bedeutung von Emotionen für das Gedächtnis spricht dafür, dass die „Neuheits-Detektion“ des Hippocampus eine spezielle Variante einer „Relevanz-Detektion“ darstellt. Die kulturellen Regelsysteme des „decorum“ werden auf folgende Weise hirnrelevant: Decorum-Routinen werden in der kulturellen Umwelt erzeugt und dann in die biologischen Gedächtnisse eingespeichert (Enkulturierung). Dabei wird entsprechend der Tradition der westlichen Kultur in „wichtig“ und „unwichtig“ unterschieden (Relevanz-Detektion) und Wichtiges durch das Gebot und Unwichtiges durch das Verbot der Emotionserzeugung markiert.

Die Schwierigkeit für die Neurowissenschaft besteht darin, dass Relevanz sich nicht allein vom Gehirn oder Körper aus bestimmen lässt sondern den Bezug des Organismus auf die physikalische, biologische und sozio-kulturelle Umwelt voraussetzt. Neurowissenschaftliche Methoden erlauben aber nur Aussagen darüber, was das Gehirn daraus macht. Man kann sich als Neurowissenschaftler aber eine kulturelle Technik wie die Rhetorik zunutze machen, die sich darum kümmert, wie man etwas relevant werden lässt bzw. wie man Relevantes angemessen kommuniziert. Erste gemeinsame Untersuchungen von Neurowissenschaft und Rhetorik haben gezeigt, dass es sich auszahlt, wenn die Neurowissenschaft der Rhetorik Fragen stellt statt sie erklären zu wollen. Umgekehrt kann die Rhetorik neurowissenschaftlich und klinisch relevant werden, wenn sie sich den Kriterien des Experiments stellt.

Résumé Heiner Mühlmann:

Die Optimierungen von Enkulturierungstechniken stellen Schlüsselfunktionen kultureller sowohl wie politischer Strategien dar. Dies gilt im Mikrobereich für das Erkennen und Generieren von Zielgruppen durch die Erzeugung von temporärem Tribalismus ebenso wie im Makrobereich für den politischen Einsatz solcher Techniken. Die Lenkbarkeit von Enkulturierungsdynamiken stellt das wichtigste Gegengewicht zur „Blindheit“ ethno-kulutreller Bevölkerungsdynamik und zu den Risiken militärstrategischer Geopolitik dar. Im übrigen haben die Diskussionsbeiträge von Hubert Burda deutlich gemacht, dass den Medien großer Verlagshäuser eine wichtige Funktion zukommt, was die quantitative Akkumulierung praktischen Wissens über Kultur angeht. Daran muss sich die Kulturforschung messen.

 

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